Heute möchte ich einmal über ein etwas heikleres thema schreiben – Kinderwagen und der öffentliche verkehr.
Angefangen hat für mich alles mit dem tweet von @filonia
http://twitter.com/filonia/status/10610054443
Danach ging es mit diversen tweets, in einer wie gewohnt bei so heiklen themen, spannenden diskussion weiter. Es wurden aussagen gemacht die alle ihre berechtigung haben. Nur sehe ich als weniger sinnvoll sich einen schlagabtausch mit 140 zeichen zu liefern. Deshalb möchte ich mein gedankengut zu diesem thema hier niederschreiben.
Als zweifacher vater blieb mir als erste reaktion erst einmal ein kopfschütteln. Da ich aber auch ein pendler bin der täglich mindestens 2 stunden im zug sitzt möchte ich die ganze sache so neutral wie möglich betrachten und behandeln.
Über die dreienhalb jahre in denen ich jetzt vater bin habe ich bereits so einige erfahrungen betreffend dem thema kinderwagen und öffentlicher verkehr sammeln dürfen. Meistens waren diese eher ernüchternd als erfreulich. So sachlich wie das @FlohEinstein in seinem blog schildert habe ich das ganze aber noch nie betrachtet. Persönlich finde ich diesen ansatz auch zu bürokratisch. Es geht ja schlussendlich darum, dass jeder ÖV-benutzer (hoffentlich) ein gültiges ticket besitzt und das recht auf eine möglichst angenehme beförderung hat. Manchmal ist das dann aber leider nicht möglich, da viele umstände dazu führen, dass gewisse zugverbindungen so restlos überfüllt sind und man sich gegenseitig auf den füssen steht. Da sucht dann jeder nach einem schuldigen der für die aktuelle persönliche misslage im wagon verantwortlich ist. Einmal sind es die schulklassen, welche lautstark einen ganzen wagon zum wackeln bringen, ein anderes mal sind es die Ski- und Snowboardfahrer die mit ihren nassen ski’s die sitze unter wasser setzen. Und dann gibt es auch noch die mütter mit ihren kindern, welche zu stosszeiten die wagon-platformen besetzen.
Nun ihr lieben (teilweise kinderlosen) stosszeiten-pendler, habt ihr euch schon gefragt ob mütter absichtlich morgens um 6 uhr aufstehen, damit sie euch dann um 7 uhr absichtlich (mit schreienden, nervenden, nörgeligen kindern) den start in den tag so richtig verderben können? Ok… es mag sein, dass es solche mütter gibt die sich daran erfreuen anderen gebührend auf den sack zu gehen. Ich wage aber zu behaupten, dass diese sorte von müttern in einer schockierenden unterzahl sind.
Aus meiner sicht sind das mütter, die wahrscheinlich einen termin wahrnehmen müssen/dürfen. Und da in der regel die väter um diese zeit schon im büro hocken oder auf dem weg dahin sind, bleibt den lieben müttern ja nichts anderes übrig als das kind oder die kinder mit sich zu nehmen. Alles andere wäre verantwortungslos. Egal um was für einen termin es sich handelt (Pflicht: Arzt, Vorstellungsgespräch ect oder Fun: Ausflug zur Familie, Zoo ect), ich gehe davon aus dass die mutter vorher abgeklärt hat ob es nicht möglich wäre diesen termin zeitlich etwas nach hinten zu schieben.
Zum thema kinder in den kinderwagen lassen
Eigentlich versucht man mit dieser handlung ja die mitreisenden zu schützen. Und zwar von den vorher schon erwähnten nörgel- und schrei-attacken der kinder. Denn kinder sind nicht allesamt morgenmenschen. Die meisten sind noch müde und wären überfordert mit den vielen leuten im zug. Aber in ihren kinderwägen können sie schlafen oder fühlen sich geschützt solange sie sich darin befinden. Ihr dürft euch jetzt also selbst überlegen was euch lieber ist. Ein kinderwagen mit zufriedenem kind der die platform versperrt oder eine mutter mit schreiendem kind welche den kinderwagen zusammengeklappt unter den sitz geschoben hat.
Kinderwagengrösse
Was ich in twitter auch gelesen habe ist, dass viele sagen, “buggys sind ok” aber die “off-road-killer-wagen” sind too much. Auch dafür mag es viele begründungen geben. Einer davon ist sicher, dass man in einem dreirädrigen phil-and-teds nun einfach mal zwei kinder und nicht nur eines unterkriegt. Und trotzdem ist der wagen nicht viel grösser als ein buggy. Zweitens sind diese dreirad-monster einfach besser zu manövrieren und einfacher zu schieben. Das hat wahrscheinlich sehr viel mit luxus zu tun. Aber es gibt auch leute die fahren smart, und andere fahren einen hummer (ok ok, der vergleich hinkt). Bei diesem punkt müsste man sich als mutter wirklich gedanken machen ob man nun den buggy oder das schlachtschiff mit auf die reise nimmt. Und es gibt ganz bestimmt immer wieder tage an denen man auf seinen luxus-liner nicht verzichten kann.
Überfüllte züge und mütter die den weg versperren
Manchmal sind gewisse züge so überfüllt, das mütter mit ihren kindern einfach in den wagon-platformen bleiben müssen, da schlicht und einfach kein platz mehr frei ist. So sind sie dazu verdammt die gesamte strecke zu stehen. Ich habe auch schon von fällen gehört bei denen sogar die zweitklassplatformen so mit reisenden überschwemmt war, dass eine mutter im erstklass-wagon auf der platform stehen musste und dafür von der SBB noch eine busse für “fahren ohne gültiges ticket” erhalten hat. Solche situationen sind extrem unschön. Was will man machen, wenn man einen termin hat und der zug so überfüllt ist?
Der persönliche reise-luxus-egoismus
Am ende wird diese diskussion aber von jedem einzelnen durch seinen ganz persönliche reise-luxus-egoismus getrieben. Jeder zahlt gleichviel für ein sbb-ticket. Jeder will natürlich immer das beste für diesen preis (eine ruhige angenehme reise mit eigenem sitzplatz). Ich denke das gilt für mütter genau so wie profi-pendler. Eine allgemein gültige lösung für dieses problem wird es nie geben! Die sbb kommt nicht hinterher die stark befahrenen strecken aufzurüsten. Und wenn sie es machen gibt es immer eine zielgruppe die danach unzufriedener ist. Man kann es nie jedem recht machen. Das ist ein fakt. Es wird immer nörgler geben die etwas auszusetzen haben. Deswegen schlage ich einfach vor mit gesundem menschenverstand zu handeln. Miteinander zu reden und aufeinander zuzugehen. Denn gemeinsam findet man immer einen kompromiss mit dem alle leben können. Wir sind doch alle nur menschen!
March 17th, 2010 at 02:03
Sehr guter Blogeintrag!
Natürlich bin ich nicht prinzipiell gegen Kinderwägen, und Termine am Morgen können sicher nicht verhindert werden.
Nur heute Morgen fühlte ich mich halt gestört:)
liebe grüsse
filonia
March 19th, 2010 at 08:03
Danke dir Filonia für deinen Kommentar. Ich finde es toll, dass du dich hier noch einmal zum Wort meldest.
Ich kenne das selber, obwohl ich selber Kinder habe fühle ich mich manchmal auch durch Fremdeinflüsse im Zug gestört. Dafür habe ich dann aber meine Noise-Cancelling Kopfhörer.
March 26th, 2010 at 09:03
man kann es nie allen recht machen
und jeder hat auch mal einen scheiß tag. so lange man sich das immer wieder eingesteht und auf dem boden der tatsachen bleibt ist ja alles gut
April 1st, 2010 at 02:04
An alle stressgeplagten Fahrgäste: soll ich mich tatsächlich mit meinen Kids zu Hause verschanzen, bloss damit, dass Ihr Ruhe habt? Wohl kaum! Ich verstehe sehr gut, dass Ihr nach einem anstrendenden Arbeitstag Ruhe haben wollt. Auch ich ziehe ein halbleeres Tram einem überfüllten vor. Doch manchmal lässt es sich einfach nicht vermeiden. Und zur blossen Freude zwängt sich keine Mami/kein Papi mit Kinderwagen, Kind und Kegel morgens und/oder abends in einen vollgepferchten Bus – glaubt mir! Anderseits richte ich mein Alltagsprogramm nicht zwingend nach Euren Feierabenden aus, da käme ich wortwörtlich ja nirgends hin.
Zudem seid Ihr ja nicht die einzige, die arbeiten. Auch wir Mütter tun dies und dies 24 Stunden, 7 Tage die Woche
. OK, wenn die Kids schlafen, haben auch wir endlich mal eine kleine Pause. Doch dann wartet anderes, das zwischenzeitlich liegengeblieben ist (Haushalt, Putzen, Staubsaugen, Rechnungen bezahlen,…) bzw. sind wir in dieser Zeit auf Pikett
. Feierabend wie Ihr es kennt, kennen wir schon gar nicht. Dann gönnt uns doch wenigstens die Kaffeklatsch-Runde mit anderen Müttern, Ihr macht ja auch mal Pause, oder etwa nicht (Znüni, Zmittag, ev. Zvieri)
.
Glückicherweise habe ich weder ein SUV noch einen Offroader, sondern einer der schmalsten Kinderwagen überhaupt oder bin mit dem Buggy, je nachdem auch mit dem Tragtuch, unterwegs.
Bedenkt bitte, dass auch Ihr mal Kinder wart und Eure Eltern bestimmt nicht den ganzen Tag mit Euch zu Hause rumsassen… Mütter haben, zumal sie in der Regel die grösste Zeit mit ihren Kids zusammen verbringen, ein Anrecht auf soziale Kontake – auch ausserhalb der eigenen vier Wände!
Und falls Ihr Euch tatsächlich ab einem unschuldigen Kleinkind im ÖV nervt, dann geht halt lieber zu Fuss (oder nehmt das Auto oder Töffli, was ich umweltpolitisch jedoch nicht gerade der Hit finde!). Oder steckt Euch gleich am Anfang die Stöpsel Eures Ipods in die Ohren und schliesst dabei noch die Augen. Denn so seht und hört Ihr weder schreiende, quengelnde und lachende Kinder – so einfach geht das
Mit ein wenig mehr Toleranz, Rücksicht und gesundem Menschenverstand auf beiden Seiten lassen sich die Tram-, Bus und Zugfahrten leichter ertragen. Und vergesst eines bitte nicht: Die Kinder sind unsere Zukunft, die Kinder von morgen, merci!
April 1st, 2010 at 02:04
Merci für deinen ausführlichen Kommentar =)
July 16th, 2010 at 03:07
Als schon bald zweifacher Vater meld ich mich doch auch gleich mal
Obwohl ich nicht ganz mitreden kann da ich den öv nur von früher kenne…
Bin seit 8 Jahren fast ausschließlich mit dem Aut unterwegs.
Aber die Problematik kenne ich von früher her, vorallem wenn man Termine hat und wie meist nur knappe Zeit, dann stören die Wagen wirklich etwa im gleichen ausmasse wie die Rentner bei Feierabend im coop…
Interessant wäre es sicherlich mal selber zu sehen wie es ist da ich aber mit dem Auto sehr glücklich bin als Transportmittel lass ich den selbstversuch..